Mir war heiß und mein Kopf wurde rot. Ich fühlte mich, als hätte ich eine Ohrfeige bekommen. Nicht laut und öffentlich, sondern subtil und verletzend. Und das nur durch eine beiläufigen Satz dieses älteren Herren. Dabei war ein paar Monate zuvor noch alles in Ordnung gewesen.
Ich arbeitete in einem internationalen Konzern – meinem Ausbildungsbetrieb, dem ich viel zu verdanken hatte. Ich war teil eines freundschaftlichen Teams mit einem hervorragenden Chef und durfte eine spannende und sinnstiftende Tätigkeit ausführen.
Das Projekt, das ich mit viel Leidenschaft unterstützte, fasste langsam Fuß am Markt und die ersten Kunden buchten unseren Service. Außerdem lernte ich viel über Kundenservice, das Programmieren und die Funktionsweise von Netzwerken.
Doch dann kam die große Umstrukturierung: die Abteilungen wurden zerschnitten und die liebgewonnenen Kollegen im Konzern verteilt. Ich beschloss, mich nicht zu beklagen, sondern wollte mich darauf einlassen. Nach einigen Wochen durfte ich erstmals zu meinem neuen Chef und sollte mich, und das Produkt, an dem ich arbeitete, vorstellen.
Ich war nervös. Tagelang feilte ich an meiner Präsentation, meinem Händedruck und der Live-Vorstellung unserer Anwendung – die schon etliche zahlende Kunden gewonnen hatte.
Doch mein neuer Chef sah gar nicht hin. Er fummelte permanent am Handy und nahm dann sogar während meiner Vorstellung ein Telefongespräch an: „Ja…? Ich habe gerade den Praktikanten hier….“ – begann er das Gespräch.
Den Praktikanten?!
Dieser Satz triefte vor Gleichgültigkeit, Respektlosigkeit und Unkenntnis über meine Arbeit.
Mir wurde augenblicklich klar: In dieser Umgebung würde ich nicht wachsen.
Am selben Abend schrieb ich meine Kündigung. Ich meldete mich für das Abitur mit anschließendem Informatik-Studium auf dem zweiten Bildungsweg an. Es war ein Sprung ins Ungewisse – aber einer, den ich selbst gewählt hatte.
Während des Studiums hielt ich mich mit Minijobs über Wasser, reparierte Computer und programmierte kleinere Websites. Schon mit 16 Jahren hatte ich eine kleine digitale Kundenverwaltung (ein „CRM-System“) entwickelt. Und mit den Anfragen häufte sich auch mein moralisches Dilemma mit der Bezahlung. Diese erfolgte in Naturalien wie Gutscheinen, Apfelmus oder Wein. Es funktionierte, aber es war kein Geschäftsmodell.
Am 15. Oktober 2015 saß ich in meiner kleinen Studentenbude in Furtwangen. Draußen peitschte der Wind und der Regen prasselte an die Scheibe. Ich hätte für mein Studium lernen sollen – stattdessen beschäftigte mich nur eine Frage: Wann, wenn nicht jetzt?
Schon seit Jahren träumte ich von der Idee. Ich fasste Mut und rannte den Weg durch den Regen zu dem kleinen Bürgeramt in Furtwangen. Die Gewerbeanmeldung war schnell ausgefüllt und meine Firma „Florian Adelt IT-Dienstleistungen“ war geboren.
Die ersten Kunden kamen über Freunde und Familie. Ich arbeitete zuverlässig und gewissenhaft und wurde weiterempfohlen. So landete ich bei Ärzten, richtete Praxisnetzwerke ein, und plötzlich öffneten sich Türen zu den größeren Industrie- und Handelsunternehmen. Ich erkannte, dass Spezialisierung entscheidend ist, und konzentrierte mich auf individuelle Websoftware.
Mit jedem Auftrag wuchs die Verantwortung: Guter Kundensupport als Student ohne Team ist hart. Das Geld reichte hinten und vorne nicht. Als dann endlich mal ein paar lukrative Aufträge abgeschlossen waren, hielt sofort das Finanzamt die Hand auf.
Später musste ich Mitarbeiter finden, eine Ausbildung organisieren, Prozesse schaffen. Und als ein Kunde mit einer Klage drohte, obwohl wir nach bestem Wissen gearbeitet hatten, blieben auch Selbstzweifel nicht aus.
Ich lernte Führung. Ich lernte den Umgang mit Finanzen. Ich lernte, Erwartungen klar zu kommunizieren, Projekte sauber zu planen und Kundenbedürfnisse präziser zu verstehen. Und ich lernte, dass Erfolg aus konsequenter und geduldiger Weiterentwicklung und gesunden Geschäftsbeziehungen entsteht.
Heute weiß ich: Als Team leisten wir hervorragende Arbeit. Wir haben tolle Kunden, die uns spannende Projekte anvertrauen und mein Weg – mit allen Hürden – war notwendig, um diese Qualität überhaupt zu ermöglichen.
Die wichtigste Erkenntnis allerdings verdanke ich dem Menschen, der mich einst „Praktikant“ nannte: Ich schenke meinen Kunden und Mitarbeitern immer wieder meine ungeteilte Aufmerksamkeit.
